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Der Fall Carrefour – und was er uns in Sachen Barrierefreiheit lehrt
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Wird es wirklich günstiger, wenn man wartet? Die kurze Antwort: Nein. Klar, wer das Thema erstmal aufschiebt, spart in diesem Moment Geld. Nur verschwindet die Arbeit dadurch nicht – sie wartet einfach.
Richtig unangenehm wird es, wenn nicht mehr ihr entscheidet, wann das passiert, sondern jemand anderes den Zeitplan vorgibt. Wie schnell das gehen kann, zeigen die folgenden Fälle: Für eine erste Rückmeldung an die Aufsicht blieben teilweise nur 14 Tage. Keine gesetzliche Frist – aber ein realistischer Vorgeschmack darauf, wie eng es im Ernstfall werden kann. Eine fertige Liste mit allen Barrieren gab es dazu auch nicht: Die Unternehmen mussten selbst rausfinden, wo die Probleme liegen, und zeigen, wie sie sie angehen wollen.
Wie unterschiedlich der Aufwand ausfallen kann, zeigen diese fünf Beispiele: vom einzelnen Formularfehler bis zum gestoppten Launch.
Modehandel in den Niederlanden: Nach einer Marktprüfung erhielt das Unternehmen ein Anschreiben der Aufsicht – allerdings ohne fertigen Testbericht. Der eigene Stand musste also zunächst selbst ermittelt werden. Für dieses Szenario wurde ein Kostenrisiko von rund 235.000 Euro modelliert.
Bankengruppe im DACH-Raum: Hier durfte der geplante Launch erst weitergehen, nachdem eine Analyse durchgeführt und ein Governance-Plan vorgelegt worden war. Für jeden Tag, an dem App und Website deswegen nicht live gehen durften, wurden rund 3.000 Euro angesetzt. Das modellierte Kostenrisiko lag bei rund 360.000 Euro.
Paket- und Logistikunternehmen in Österreich: Zum selben Fehler gab es zwei Klagen und zwei Termine. Mit rund 56.000 Euro fällt die Modellrechnung hier deutlich niedriger aus als in den anderen Fällen – zeigt aber auch, dass schon ein einzelnes Problem mehrfach Aufwand verursachen kann.
Rundfunk- und Medienunternehmen im DACH-Raum: Ein geplantes neues System, das die bestehenden Probleme später lösen sollte, reichte nicht aus. Das Unternehmen sollte noch im laufenden Jahr nachbessern oder den Dienst abschalten. Das modellierte Kostenrisiko: rund 485.000 Euro.
Bank in Luxemburg: Gefordert wurde ein Projektplan bis zur vollständigen Umsetzung, einschließlich klarer Governance. Hier lag die Modellrechnung bei rund 380.000 Euro.
Zusammengenommen kommen die fünf Modellrechnungen auf rund 1,5 Millionen Euro. Das bedeutet nicht, dass Unternehmen generell mit solchen Kosten rechnen müssen. Die Summe zeigt aber, welche Größenordnung zusätzlicher Aufwand erreichen kann, wenn Barrierefreiheit erst unter Zeitdruck angegangen wird.
Während die fünf Beispiele oben mit Modellrechnungen arbeiten, zeigt Carrefour, wie konkrete rechtliche Folgen aussehen können.
Das Unternehmen hatte selbst einen Erfüllungsgrad von 71 Prozent gemeldet. Dem Tribunal judiciaire de Caen reichte das nicht: Im Juni 2026 verlangte das Gericht, Website und App innerhalb von sechs Monaten vollständig barrierefrei zu machen. Für den Fall, dass die Frist nicht eingehalten wird, wurde ein Zwangsgeld von 500 Euro pro Tag angeordnet.
Wichtig dabei: Die Entscheidung ist nicht rechtskräftig. Zudem kam das Tribunal judiciaire de Lille in einem anderen Verfahren zu einer abweichenden Bewertung. Der Fall zeigt also nicht, dass Unternehmen in Frankreich automatisch mit genau diesen Sanktionen rechnen müssen – wohl aber, dass digitale Barrierefreiheit inzwischen ganz konkret vor Gericht verhandelt wird.
Die oben genannten Beträge sind keine Bußgelder und keine tatsächlich abgerechneten Kosten. Es handelt sich um Modellrechnungen, bei denen wir den möglichen Aufwand bewusst eher vorsichtig angesetzt haben. Eingerechnet sind zum Beispiel zusätzliche Analysen und Tests, technische Nachbesserungen, Dokumentation, Projektplanung und Governance, Monitoring oder ein erneuter Konformitätsnachweis.
Sie sollen also nicht zeigen, was eine nicht barrierefreie Website oder App pauschal „kostet“, sondern welche Größenordnung entstehen kann, wenn plötzlich mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigt werden müssen.
Die fünf Modellrechnungen zeigen vor allem eines: Der eigentliche Kostenfaktor ist nicht unbedingt die einzelne Barriere, sondern der verlorene Handlungsspielraum.
Wer früh handelt, kann selbst entscheiden, was zuerst angegangen wird, Budgets verteilen und Verbesserungen in bestehende Prozesse integrieren. Kommt der Druck von außen, wird aus planbarer Arbeit dagegen schnell ein dringendes Projekt.
Auch ein geplanter Relaunch oder ein neues System für später hilft dann nicht unbedingt weiter. Entscheidend ist, wie der aktuelle Stand aussieht und ob nachvollziehbar ist, wie bestehende Probleme angegangen werden.
Genau deshalb kann Aufschieben teuer werden: Nicht weil Barrierefreiheit plötzlich mehr kostet, sondern weil weniger Zeit bleibt, sie sinnvoll zu planen.
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